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Am Schluss seines Vortrag „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ sagte Adorno 1959: „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt werden. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.“
25.April 2018 Klaus Jünschke    


1968
Fast immer wird nach den Errungenschaften von 1968 gefragt und es werden solche Antworten präsentiert, wie z.B. von Claus Leggewie: „Die 68er haben die Frauenbewegung, eine weniger autoritäre Pädagogik, ein neues Verhältnis der Generationen und der Geschlechter sowie viele Lockerungen im öffentlichen Leben, im Effekt auch viele Gesetzesliberalisierungen befördert.“
http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/themenwoche-50-jahre-1968-claus-leggewie-sieht-errungenschaften-von-1968-bedroht_18662109.htm

Aber für Rudi Dutschke bezweckte die antiautoritäre Protestbewegung nicht diese Lockerungsübungen. Er hatte einen Begriff von Emanzipation in dieser Tradition: Adorno in der 1944 verfassten Minima Moralia: „Auf die Frage nach dem Ziel der emanzipierten Gesellschaft erhält man Antworten wie die Erfüllung der menschlichen Möglichkeiten oder den Reichtum des Lebens. So illegitim die unvermeidliche Frage, so unvermeidlich das Abstoßende, Auftrumpfende der Antwort,  welche die Erinnerung an das sozialdemokratische Persönlichkeitsideal vollbärtiger Naturalisten der neunziger Jahre aufruft, die sich ausleben wollten. Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll.“

Nicht zufällig begann die Protestbewegung die zu 68 wurde im Dezember 1964 mit einer Demonstration gegen den kongolesischen Ministerpräsidenten Moise Tschombé. Rudi Dutschke hat darüber geschrieben:
http://www.glasnost.de/hist/apo/DutschkeTschombe.html

Rudi Dutschke hat aufgenommen, was aus der Dritten Welt kam. Frantz Fanon
in seinem 1961 erschienen antikolonialen Manifest „Die Verdammten dieser Erde“:
„Für die Dritte Welt geht es darum, eine Geschichte des Menschen zu beginnen, die den von Europa einst vertretenen großartigen Lehren, aber zugleich auch den Verbrechen Europas Rechnung trägt, von denen das verabscheuungswürdigste gewesen sein wird: beim Menschen die pathologische Zerstückelung seiner Funktionen und die Zerstörung seiner Einheit; beim Kollektiv der Bruch, die Spaltungen; und schließlich auf der unermesslichen Ebene der Menschheit der Rassenhass, die Versklavung, die Ausbeutung und vor allem der unblutige Völkermord, nämlich das Beiseiteschieben von anderthalb Milliarden Menschen.“

Rudi Dutschke am 3.12.1967 im Interview im Südwest-Fernsehen:
„Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben wir uns jahrhundertelang eingeredet.
Viele geschichtliche Zeichen deuten darauf hin, dass die Geschichte einfach nicht ein ewiger Kreisel ist und nur immer das Negative triumphieren muss. Warum sollen wir vor dieser geschichtlichen Möglichkeit Halt machen und sagen: »Steigen wir aus, wir schaffen es doch nicht, irgendwann geht es mit dieser Welt zu Ende.«
Ganz im Gegenteil, wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche Möglichkeit, und da aussteigen? Ich bin kein Berufspolitiker, aber wir sind Menschen, die nicht wollen, dass die Welt diesen Weg geht und darum werden wir kämpfen und haben wir angefangen zu kämpfen.“

Was in den meisten bisher erschienen Texten zu „50 Jahre 68“ fehlt, ist die Auseinandersetzung mit den Folgen der Niederlage der Protestbewegung.  
Wie viele Menschen sind seit 1968 in Kriegen umgekommen?  
Wie viele Menschen sind seit 1968 verhungert und an leicht heilbaren Krankheiten gestorben?

Es ist schwerer die Zahl der Toten seit 1968 zu ermitteln, als die Zahlen der von Jahr zu Jahr wachsenden Gewinne der internationalen Konzerne:
„Die Beträge, die in solche Standorte geflossen sind, stiegen von 11 Milliarden US-Dollar im Jahr 1968 über 385 Milliarden US-Dollar 1978 und 6 Billionen US-Dollar 1998 auf 21 Billionen US-Dollar im Jahr 2010. Nach konservativen Schätzungen hat die Verlagerung von Geldvermögen von 1968 bis heute somit um das 2.000fache zugenommen. Nahezu alle großen Konzerne verfügen über Offshore-Zweigunternehmen, mehr als die Hälfte des Welthandels fließt durch diese Steueroasen, fast alle hochvermögenden Privatpersonen besitzen Offshore-Konten, die ihnen steuerliche „Gestaltungsmöglichkeiten“ eröffnen.“
(John Urry: Grenzenloser Profit – Wirtschaft in der Grauzone, Berlin 2015)

14.04.2018
Klaus Jünschke






Rassismus und soziale Ungleicheit

Vor einem halben Jahr hat der ehemalige Chefredakteur des Stadt-Anzeigers den Ebert-Platz zur no-go-area erklärt – mit bundesweitem Echo. Meine Kritik vom 31.10.2017  an diesem law-and-order-Stück endete so:  „Was Peter Pauls und seine gleichgesinnten Kolleginnen und Kollegen uns einreden wollen hat Zygmunt Baumann als Law-and-Order-Wahn diagnostiziert – als ein Ersatz für den ernsthaften Versuch, sich der Herausforderung einer ständig wachsenden existentiellen Unsicherheit zu stellen.“
www.klaus-juenschke.de

Seither hat es immer wieder Aktionen auf dem Platz gegeben, mit denen die Veranstalter behaupten, sie wollen den Platz den Kölnern zurückgeben. Vor zwei Tagen war es wieder mal so weit. Im Stadt-Anzeiger wurde heute darüber berichtet:

„Anlässlich des Internationalen Tags gegen Rassismus veranstaltete das Bündnis ‚Kölner Forum gegen Rassismus und Diskriminierung‘ ein Bühnenprogramm. Ihr erklärtes Ziel: Den Ebertplatz für das Stadtleben zurückerobern.“ Und allen Ernstes fragt die Autorin Anna Hörter: „Doch kann eine Aktion das Image des Platzes umkrempeln?“ Statt die Kölner Medien für ihre law-and-order-Berichterstattung zu kritisieren, wird brav geantwortet: „‘Uns ist bewusst, dass die Aktion symbolhaft ist‘, sagte Hans-Peter Killguss vom NS-Dokumentationszentrum. Die Veranstalter wollten andere Perspektiven für den Ebertplatz aufzeigen: ‚Wir stehen gemeinsam gegen Rassismus‘.“ https://www.ksta.de/koeln/kunstaktion-auf-dem-ebertplatz-ein-zeichen-gegen-intoleranz-und-rechte-gewalt-29914388

Warum fällt es diesem hilflosen Anti-Rassimus so schwer „sich der Herausforderung einer ständig wachsenden existentiellen Unsicherheit zu stellen“?

Fast jeden Tag kann man lesen, dass die Armen immer mehr und immer ärmer werden und die Reichen immer reicher. „Fast jeder Zehnte ist in Deutschland auf staatliche Unterstützung wie Sozialhilfe oder Hartz-IV-Leistungen angewiesen.“
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-11/statistisches-bundesamt-deutschland-sozialhilfe-hartz-4-leistungen-empfaenger

Die Vorstandsvorsitzenden der zehn größten Konzerne verdienten im vergangenen Jahr zwischen 6 und 15 Mio Euro. Die Tagesschau berichtete „Chefs verdienen 50mal so viel wie Angestellte“.
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/dax-vorstaendsgehaelter-101.html

Es gibt Aktionäre die 100mal mehr einnehmen als diese „Chefs“. Am Internationale Tag gegen Rassismus berichtete Spiegel-online, dass die  BMW-Großaktionäre Stefan Quandt und Susanne Klatten für 2017 eine Milliarde Euro Dividende bekamen.

Wenn dieser Extremismus nicht Hauptthema des Antirassismus wird, dient er wie die Erinnerungskultur nur legitimatorischen Zwecken.

23.03.2018
Klaus Jünschke


 

 











1968  

"Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben wir uns jahrhundertelang eingeredet. 

Viele geschichtliche Zeichen deuten darauf hin, dass die Geschichte einfach nicht ein ewiger Kreisel ist und nur immer das Negative triumphieren muss. Warum sollen wir vor dieser geschichtlichen Möglichkeit Halt machen und sagen: »Steigen wir aus, wir schaffen es doch nicht, irgendwann geht es mit dieser Welt zu Ende.« 

Ganz im Gegenteil, wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche Möglichkeit, und da aussteigen? 

Ich bin kein Berufspolitiker, aber wir sind Menschen, die nicht wollen, dass die Welt diesen Weg geht und darum werden wir kämpfen und haben wir angefangen zu kämpfen.“   (Rudi Dutschke am 3.12.1967 im Interview im Südwest-Fernsehen)  

Was in den bisher erschienen Texten zu „50 Jahre 68“ fehlt, ist die Auseinandersetzung mit den Folgen der Niederlage der Protestbewegung.  

Wie viele Menschen sind seit 1968 in Kriegen umgekommen?  

Wie viele Menschen sind seit 1968 verhungert und an leicht heilbaren Krankheiten gestorben?    

16. 2.2018
Klaus Jünschke  




Internationalismus 50 Jahre nach 68  

Urlaub gebucht?
Was verdienen die Zimmermädchen?
Warum kommt es zu Obdachlosigkeit der Einheimischen in Dörfern und Städten, in denen immer mehr Hotels und Ferienwohnungen entstehen?

Eine erste Annäherung in der WDR-Doku „Kanaren: Inseln der Arbeitslosen“

Leider wird nicht wirklich erklärt, wohin das Geld fließt, das mit Kreuzfahrtschiffen und Ferienanlagen verdient wird.

https://www.youtube.com/watch?v=sSjkKeO1FHQ&index=5&list=PLpNi0Wmi7L82A8huot3Gw86yrMC-dOW3m  

Metaller-Streik und Free Deniz
Was wäre, wenn Bosch, MAN, Mercedes und Siemens ihren Abzug aus der Türkei erklärten, wenn es nicht zu einer Rückkehr zur Demokratie kommt? 

Nach ihrer schändlichen Rolle im Nationalsozialismus und danach in der Dritten Welt, besonders in Südafrika und den lateinamerikanischen Diktaturen kann es nicht länger hingenommen werden, dass die Rolle deutscher Firmen in der Türkei einfach ignoriert wird. 

Als Angela Merkel im vergangenen Dezember Deniz Yücels Frau traf stand in der Welt: „Die Sorge um Deniz Yücel ist im Hohen Haus offenkundig ziemlich fraktionsübergreifend. Und das ist auch ein gutes Zeichen für Demokratie an diesem Tag.“

In derselben Woche tagte in Genf die Arbeitsgruppe UN-Treaty, die von Südafrika und Ecuador initiiert wurde. Ihr Ziel ist ein UN-Menschenrechtsabkommen, das den Menschenrechten Vorrang vor Investitionsinteressen einräumt. Angesichts der Geiselnahmen von deutschen Staatsbürgern in der Türkei bei andauernden Milliarden-Investitionen deutscher Konzerne in der Türkei sollte man meinen, dass die Medien ausführlich über UN-Treaty berichten – das wäre „ein gutes Zeichen für Demokratie“ – aber bitte: sucht selbst nach Berichten über UN-Treaty in deutschen Medien.

http://www.ci-romero.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/Buendniszeitung_Menschenrechte_vor_Profit_treaty_alliance_deutschland_web.pdf 

Wann fangen die Arbeiterinnen und die Angestellten an von Ihren Firmen zu verlangen, dass Menschenrechte Vorrang vor Investitionsinteressen haben?  

15.01.2018
Klaus Jünschke    





„Das Geld ist da“
unter diesem Titel ist heute im Stadt-Anzeiger über die ganze Seite 24 ein Interview mit der Kämmerin Gabriele C. Klug zu lesen.
Ihr gehe es um „ein gutes Leben in einer nachhaltig und robust aufgestellten Stadt.“

Ein Viertel aller Kölner sind arm. Aber weder in den Fragen von Sarah Brasack und Helmut Frangenberg, noch in den Antworten von Frau Klug kommen die Worte „arm“ und „Armut“ vor. Dafür das: „Wir müssen vom Bund, der für die Sicherung gleicher Lebensgrundlagen zuständig ist, erwarten, dass er sich mehr und schneller einbringt.“ Auf die Frage „Was geschieht, wenn das nicht passiert?“ antwortet Frau Klug: „Davon gehe ich nicht aus.“

In den Außenbeziehungen der reichen Länder findet sich nirgendwo das Ziel zu allererst und so schnell wie möglich den Hunger zu beenden. Über 800 Millionen Menschen hungern. Solange ihr Existenzrecht missachtet wird, ist jedes Reden von Menschenrechten Gerede.

In den Innenbeziehungen der reichen Städte steht nicht zu allererst und so schnell wie möglich Armut zu überwinden, Obdachlosigkeit zu beenden, Drogentote zu verhindern.

Über den Neujahrsempfang der deutschen Bank berichtet die Kölnische Rundschau am 14.1.2016: „Die mit Beifall begrüßte Oberbürgermeisterin Henriette Reker forderte mehr Personal für Polizei und Justiz. Zudem lud sie die Anwesenden ein, mit ihr den Wirtschaftsstandort Köln zu stärken, denn dies sei die „eindrucksvollste Sozialpolitik, die es gibt“. In den nächsten Jahren dürfe es keine Erhöhung der Gewerbesteuer geben. Sie wolle Köln bei Medien, Uni und Messe auf Platz eins in Deutschland führen.“

4.1.2017
Klaus Jünschke









Die Homepage wurde am 25.03.2008 veröffentlicht.
Zuletzt geändert am 17.08.2018